Leserstimmen zu "Wyvern"

Mein neuster Roman "Wyvern-Das Streben des Jägers" ist seit März diesen Jahres auf dem Markt und stellt für mich einen ganz besonderen Schritt in der Welt des öffentlichen Lebens dar. Deshalb bin ich unglaublich froh, dass es bei so vielen Lesern so gut ankommt :)

 

Hier nur einige wenige Eindrücke:

 

"...Ich kann Wyvern – Das Streben des Jägers bedenkenlos weiterempfehlen. Es ist ein tolles Buch, das beim Lesen viel Spaß gemacht hat. Vor allem der rebellische Quirin ist mir sehr schnell ans Herz gewachsen. Wer auf moderne Fantasy steht, wird daran große Freude haben. Gerade den Schluss hätte man schöner nicht gestalten können und ich kann es kaum erwarten bis ich den nächsten Teil der Trilogie lesen darf. In der Zwischenzeit kann man sich selbst überlegen, wie es wohl weiter geht." Christian Münzinger - Autor und Blogger

http://christian-muenzinger.de

"Veronika Serwotka ist hier ein absolut gelungener Auftakt für ihr High Fantasy Werk geglückt. Ihr fesselnder Schreibstil und die lebensnahen Charaktere machen dieses Buch zu einem rundum begeisternden ersten Band. Die Idee ist nicht nur toll, sondern wurde auch sehr gut umgesetzt. Ich freue mich schon sehr darauf, mehr von dieser Autorin lesen zu dürfen!" Teja Ciolczyk - Bloggerin
gwynnys-lesezauber.blogspot.de

"Eine ausführliche Umgebungsbeschreibung ist wie das Salz in jeder Suppe. Grade im High-Fantasy Bereich erwarte ich eine detaillierte Bühnenwelt und das hat Veronika Serwotka mit Bravour gemeistert. Sie hat eine bunte, malerische Welt mit eigenen Kreaturen und vielschichtigen Landschaften geschaffen, ohne aber den Freiraum des Lesers zu behindern. Sie lässt dem Leser genug Fantasie sich die Charaktere und die Umgebung vorzustellen und mit ihnen mitzufiebern und sich an dem eigenen Vorstellungsvermögen zu erfreuen. Ich war stellenweise fasziniert über ihre Wortgewandtheit und ihren Ideenreichtum. Sie hat eine wirklich wunderbar-harmonische Schreibstimme. Anders kann ich den flüssigen, bildhaften Schreibstil nicht erklären. Sie baut auf viele kleine und große Konflikte, jedoch ohne, dass es langweilig oder langatmig wirkt. Die Kernthematik des Romans bleibt dabei im Fokus. Es bleibt von Anfang bis Ende interessant und spannend. Für mich hat Wyvern - Das Streben des Jägers sein Potenzial ausschöpfen können und war wirklich eine gelungene Leselektüre, die jede Minute wert war und mich absolut fesseln konnte. Ich muss gestehen, dass ich ein wenig mein Herz an diesen Roman verloren habe. Ein großer Dank an Veronika Serwotka, die mich mit ihrer Geschichte so hat mitfühlen lassen." Buchsymphonie - Bloggerin

http://buchsymphonie.blogspot.de

"Ein Absolutes MUSS für jeden Fantasy Liebhaber!
Man ist von Anfang an mitten drin und kann sich sehr gut in die Charaktere hineinversetzen.
Wer nicht wirklich Romantik braucht ist hier genau Richtig.
Absolut Lesenswert und ich freue mich auf den zweiten Teil!"
Sara Bertog - Leserin

Leseprobe "Wyvern"

Und hier gibt es einen Einblick in die Welt der Wyvern. Viel Spaß damit! Für weitere Leseproben kannst du mich sehr gern anschreiben.

 

 

Vereinfachtes Schema der cantharischen Jagd

Primo: Ein Verbund besteht stets aus fünf unterschiedlichen Untergruppen von Jägern.

1. Sucher: Fährtenleser und Architekt ausgeklügelter Fallen, um den Wyvern ausfindig und flugunfähig zu machen. Meist gesondert ausgebildet, oftmals wird diese Aufgabe aber von den anderen Mitgliedern des Verbundes ergänzt, oder sogar völlig übernommen.

2. Reißer: Waffe ist die Sciss, eine Klinge, oder Klaue, am Ende eines langen Seiles aus Wyvernsehnen, mit der der Reißer das an den Boden gefesselte Echsentier bis zur Weißglut reizt. Meist vier Reißer pro Verbund, für jede Himmelsrichtung, aus der der Wyvern angegriffen wird.

3. Fäller: Waffe ist der Iacter, ähnlich der azunaíschen Armbrust. Größe kann stark variieren. Der Fäller unterstützt die Reißer in ihrer Aufgabe, kann die Jagd im Verlauf durch einen Goldenen Schuss aber auch vorzeitig beenden. Mindestens ein, meist zwei bis drei Fäller pro Verbund.

4. Gnadenbringer: Waffe ist die Trilanze, ein Speer mit drei Klingen, um dem gefesselten und blindwütigen Wyvern an seinen Schwachstellen den Gnadenstoß zu versetzen und ihm endgültig den Garaus zu machen. Meist zwei Gnadenbringer pro Verbund.

5. Schlitzer: Im Volksmund „fleischlicher Gärtner“ genannt, erntet die noch im Tod gefährlichen Teile vom Kadaver des Wyvern, so beispielsweise die Säuredrüsen. Macht somit den Transport des Kadavers erst möglich.

Secundo: Die Aufgaben der einzelnen Mitglieder des Verbundes sind klar strukturiert und bauen aufeinander auf. Der Sucher macht die Echse ausfindig und sorgt mit seiner Fallenkonstruktion dafür, dass sie flugunfähig gemacht wird. Anschließend müssen die Reißer die Beute derart zur Wut treiben, dass sie von ihrer gefährlichsten Waffe, dem Speien tödlich ätzender Säure, Gebrauch machen will. Dazu muss das Echsentier seine Flügelkrallen am Boden aufsetzen, den Hals recken und den Rachen öffnen.
In dem Moment kann ein geschickter Fäller es mit dem Goldenen Schuss töten. Gelingt dies nicht, ist es die Aufgabe des oder der Gnadenbringer, dem Ungetüm den Todesstoß zu versetzen.
Im Anschluss verrichtet der Schlitzer seine essenzielle Arbeit.

Die Jagd nach einem Wyvern stellt eine Meisterleistung zwischenmenschlicher Zusammenarbeit dar. Das Schema bleibt im Grundsatz gleich, nie aber ist eine Jagd wie die Vorhergehende. Der Tod ist im Angesicht solcher Bestien allgegenwärtig.


Lehrbuch der Jagd
Band 1, Auflage 21
Ignis Singer
Landesbibliothek Arnstein

 

 


Prolog

Khaled spähte durch das flache Kronendach zu den weich gezeichneten Wolken eines hellen Himmels hinauf und zog die Brauen zusammen. Eine schmale Gestalt spannte ihre ledernen Schwingen und segelte an der kleinen Baumgruppe vorbei. Heißer Wind trieb ihm den roten Staub der Steppe in die Augen, aber er blinzelte kein einziges Mal. Im Hintergrund hob sich die Silhouette der Stadt Canthar majestätisch vom Horizont ab.
„Es ist das Männchen“, hörte er Gunar sagen. Der Sucher ihrer Gruppe blähte seine Nasenflügel und verzog das Gesicht. „Diesmal kriegen wir das Biest.“ Seine Stimme ließ keine Zweifel aufkommen.
Khaled erlaubte sich ein Grinsen. Er griff nach seiner Trilanze und fuhr mit der Fingerkuppe über die scharfe Spitze. Die Waffe blitzte im Sonnenlicht auf und enthüllte ihren grausamen Blutdurst. Der dreifache Speer hatte schon so vielen Wyvern den Tod gebracht, dass Khaled sich an die meisten gar nicht mehr erinnern konnte.
Sein Hass gegenüber den fliegenden Reptilien war grenzenlos. Seine Gier nach deren Ausrottung ebenfalls. Doch es war ein langer Weg dorthin. Er musste vermutlich noch viele Male mit seinem Verbund ausrücken, ehe sie den Hauptbrutplatz der Wyvern ausfindig machen würden.
Angespannt beobachtete er zwischen den dünnen Stämmen hindurch, wie die Gestalt immer kleiner werdende Kreise zog und tiefer herabsank.
Khaled schlich sich an den Rand der Baumansammlung, um besser sehen zu können. Die Trilanze war im Schraubstock seiner Faust gefangen und neigte ihre drei Spitzen in Richtung der Beute, als könne sie das Losstürmen ihres Trägers kaum erwarten.
Jemand trat neben ihn. „Ruhig Blut, Gnadenbringer“, beschwichtigte ihn eine Frau, die ihm gerade bis zum Kinn reichte. Ihr schlanker Körper war bis auf den letzten Flecken Haut mit einer relativ dünnen Schicht Wyvernleder bedeckt. Mit der Maske und den dicken Kristallgläsern der Schutzbrille wirkte sie beinahe wie die Miniatur einer Echse. Ihre grünen Augen, unentwegt auf den Wyvern gerichtet, blitzten auf, und ihre freie Hand schwebte über der Brille, die sie zur Stirn hochgeschoben hatte. In der anderen Hand hielt sie die fingerdicke Sehnenschnur der Sciss, einer Waffe der Reißer. Die Wyvernkrallen an deren Ende neigten sich scheinbar ihrer Beute entgegen, hungrig nach Blut, gierig nach Schmerz. Sie alle hatten ihre eigene Geschichte.
Khaled bemerkte aus den Augenwinkeln, wie die Reißerin die Schutzbrille über die Augen schob und nach vorn schlich. Sie ließ die Sehnenschnur der Sciss durch ihre Finger gleiten und begann sie zu schwingen, während der Wyvern, von dem betörenden Duft eines paarungswilligen Weibchens angelockt, zur Landung ansetzte.
Um sie herum machten sich die anderen Mitglieder des Verbundes bereit. Alle beobachteten die geflügelte Bestie, wie sie der Attrappe eines Nestes näher kam, den langen Schwanz hinter sich her peitschend.
Die wichtigste Regel der Jäger war, sich nie auf einen Kampf gegen einen fliegenden Wyvern einzulassen. Sie waren den Menschen aus der Luft um ein Vielfaches überlegen. Deshalb musste jede Jagd sorgfältig geplant werden. Meistens lag es am Sucher, einem erfahrenen Fährtenleser, die Beute ausfindig zu machen, doch jeder Jäger trug seinen Beitrag bei.
Sobald die Krallen des Wyvern über die Attrappe schrammten, wurden die Fallen aktiviert. Gunar erwies sich hier stets als wahrer Meister.
Eiserne Fesseln wurden in diesem Augenblick durch Sprungfedern aus der tarnenden Staubschicht geschleudert. Doch das Reptil bewies eine unglaubliche Reaktionsschnelligkeit, nur eine der metallenen Klammern schloss sich um den Hinterlauf des Wyvern.
Ein schrilles, ohrenbetäubendes Brüllen brandete gegen Khaleds Trommelfell. Das Blut in seinen Adern siedete bereits, und er musste sich zwingen, nicht gleich loszustürmen und der Echse die Trilanze ins Herz zu rammen.
Die vier Reißer des Verbundes preschten vor und formierten sich blitzartig wie flüssiges Pech um den Wyvern. Der wand sich rasend vor Zorn, brüllte, peitschte den gehörnten Schwanz hin und her, schlug ihn dröhnend auf die Erde, riss an seiner unnachgiebigen Fessel.
Die Reißer schleuderten ihre Waffen gegen die Flanke des mächtigen Wesens. Durch das Sehnenseil konnten sie nur wenig Druck auf die Krallenspitze ausüben, wodurch die meisten Angriffe wirkungslos abprallten. Einige aber, offensichtlich genügend, drangen zwischen die winzigen Kerben der Schuppen und rissen sie brutal heraus. Dunkles Blut sprühte in den Staub der Steppe, klatschte gegen die kristallgläsernen Brillen und ledernen Rüstungen der Reißer.
Gefesselt, umzingelt und rasend vor Wut und Angst, ließ sich das Männchen auf die kleinen Krallen seiner Flügel nieder, und fauchte den vorderen Reißer an. Im nächsten Moment ertönte ein Zischen, als winzige Tröpfchen wie Pfeile aus dem Rachen schossen. Sie glitzerten wie Kristalle auf, aber der vorderste Reißer wich ihnen geschickt aus. Die wenigen Tropfen, die ihn berührten, flossen wirkungslos an seinem geschuppten Schutz ab.
Ein Knallen neben Khaled offenbarte den Abschuss des Iacters. Der kurze, gefiederte Bolzen pflügte durch die Luft und schlug dumpf durch den Schuppenpanzer. Der Fäller begann sofort, an seinem Iacter zu kurbeln und ihn erneut zu spannen, bereit, einen zweiten, vielleicht tödlichen Schuss abzugeben.
Khaled aber stürmte, angetrieben von seiner Mordlust, vor. Sein Moment war gekommen!
Es war dem Fäller nicht gelungen, den Augenblick zu nutzen, als der Wyvern Säure spie. Nun war es an ihm, dem Gnadenbringer, die Echse in die Erde zu nageln.
Er hob die Trilanze vor die Brust und flog nur so über den roten Boden. Die Reißer formierten sich neu, um ihm Platz zu machen. Platz, den er benötigte, damit seine Trilanze die Luft und das Fleisch der Beute zerschneiden konnte. Er war berühmt für seine kräftigen Hiebe, die schon so manchen Panzer hatten zerbersten lassen.
„Reiter!“, ertönte plötzlich Gunars gellender Ruf, als Khaled nur noch weniger Meter von dem verletzten Ungetüm trennten.
Er blieb schlitternd stehen und riss den Kopf in die Höhe. Dort! Aus Richtung des Roten Gebirges näherte sich eine kleine Gruppe berittener Wyvern mit hoher Geschwindigkeit.
Der gefesselte Wyvern hob kreischend den Kopf.
„Nein! Diesmal nicht!“, brüllte Khaled zornig und wollte erneut losstürmen, als er von den Reißern gepackt und weggeschleift wurde.
„Khaled, bist du wahnsinnig? Komm schon!“, rief ihm jemand ins Ohr. Er versuchte, sich zu befreien und schnaubte wie ein durchgedrehter Wisent.
„Lasst mich los! Ich bringe dieses Biest um! Lasst mich los, verdammt noch mal!“
„Krijn, tu etwas!“, waren die letzten Worte, die er vernahm, bevor er einen kurzen, stechenden Schmerz an seiner Schläfe spürte. Die dunklen Punkte der Herannahenden explodierten, bis sie sein gesamtes Gesichtsfeld einnahmen. Er sackte kraftlos in sich zusammen. Etwas in ihm protestierte wild. Er wollte gegen diese Verräter kämpfen. Wollte sie endlich stellen, und nicht erneut fliehen, wie ein verängstigter Bilgot. Wollte den Mord an seiner Verlobten rächen.
Alles versank in Schwärze.

 

 


1. Morguns Zelle

Hass.
Welch’ ungebändigt, mächtig Wort.
Treibt es doch den Geist voran, in eine Richtung nur.
Umso gewaltiger die Kraft der Zerstörung.
Vereinsamt das Geschöpf, das vergiftet durch dies Strohfeuer seines Herzens, welches es erblinden lässt, gegenüber der Wahrheit?


Er ließ die Feder über dem Pergament schweben und starrte auf die Worte. Ein Tropfen bildete sich an der metallenen Spitze, wuchs und löste sich schließlich. Ein kaum hörbarer Laut zitterte durch die schwüle Luft, als die Tinte auf das Pergament fiel, sich in die Fasern fraß und ausbreitete.
Der Fluch der Zweifel lastete auch auf ihm, Tarik van Cohen. Seine Worte waren der Beweis. Er verharrte, verkrampfte seine Finger um den Kiel. Nein. Er konnte sich weder Worte noch Zweifel leisten. Kompromisslos riss er das Pergament entzwei und warf es in die Glut, wo es schon bald zu Asche zerfiel. Die glimmenden Kohlen ätzten in seinen Augen und fraßen sich in seine Iris, ohne dass er den Blick hätte abwenden können.
Er musste seine Unsicherheit endgültig abstreifen, sollte er jemals in den ehrenvollen Orden der Jäger eintreten dürfen. Ganz gleich, was dies auch bedeuten mochte.
„Tarik?“, erklang hinter ihm eine kindliche Stimme. Er seufzte innerlich und wandte den Kopf.
Im Türrahmen stand ein Junge, um dessen dünne Beine ein Nachthemd flatterte. Das kurze braune Haar stand wirr ab. Er machte einen recht zerknautschten Eindruck.
„Wieder ein Albtraum, oder kannst du einfach nicht schlafen, Quiri?“, fragte Tarik sanft.
Der Junge kam näher. Seine nackten Füße tapsten über den Holzboden und Schatten rollten über sein bleiches Gesicht. Er setzte sich auf das Wisentfell vor dem Kamin, zog die Knie an und spannte das Nachthemd darüber. „Ich hab dir gesagt, du sollst mich Quirin nennen“, grummelte der Kleine verärgert.
Tarik musste schmunzeln, als er sich neben seinen Bruder setzte und mit ihm in die glimmenden Kohlen blickte. „Es macht keinen großen Unterschied.“
„Und ob, der Unterschied ist gewaltig! Quiri ist der Kosename für ein Baby. Du musst den letzten Buchstaben von Quirin betonen, dann klingt es ehrenhaft. Und männlich!“ Der Kleine funkelte ihn herausfordernd an.
Tarik lächelte und strich Quirin übers Haar. „Du bist aber noch kein Mann, Quiri. Darüber solltest du dich freuen. Geh ins Bett, sonst verschläfst du den morgigen Unterricht.“
Das Gesicht seines Bruders glättete sich ein wenig. Abwesend sah er an ihm vorbei. „Ich vermisse Vater.“
Die Worte schwebten schwer im Raum und ein Kloß bildete sich in Tariks Hals. Er zog die Augenbrauen zusammen, als er das Bild des Mannes beschwor, das er sich für immer bewahren wollte. Ein Gesicht, dessen Züge von einem ausgelassenen Lachen beherrscht gewesen waren, nicht entstellt von einem endgültigen Schmerz. In das sich tiefe Falten der Freude gegraben hatten. Das nicht von Schmutz und getrocknetem Blut erstarrt war.
Er hatte seinen Vater verloren und eine Aufgabe erhalten. Seit dem musste er für sich und seinen jüngeren Bruder sorgen. Ein Grund mehr, dieses Mal, nach zwei abgewiesenen Jahren, um die Abschlussprüfung zum Jäger zu kämpfen.
Einmal mehr wunderte er sich, wie deutlich sich Quirin an ihren Vater erinnern konnte. Er war damals noch so unglaublich klein gewesen. „Kannst du deshalb nicht schlafen.“
Der Junge sah zu ihm auf. Sein Gesicht wirkte entschlossen. „Edy hat gesagt, er wäre von einem Wyvern getötet worden, weil er gezögert hätte, seinen Reiter zu erschlagen. Ist das wahr? Das hast du mir nie gesagt. Du hast nur gesagt, dass er von einem Reiter der Wilden Jagd getötet worden ist.“
Tarik zögerte, aber es hatte keinen Sinn, es abzustreiten. „Es tut mir leid. Du warst noch ein Kleinkind.“ Er hatte Angst davor, was Quirin fragen könnte. Ob ihr Vater zu feige gewesen war, oder zu schwach.
„Mh. Das muss schwer gewesen sein“, sagte der Kleine zu seiner Überraschung.
Tarik sah ihn seitlich an. „Wie meinst du das?“
Quirin griff nach seinen Zehen und legte den Kopf auf den Knien ab. „Vater hat keinen Reiter töten wollen. Aber dann wurde er getötet, obwohl er wusste, dass er uns allein lassen würde. Wenigstens war er kein Mörder.“
Tarik schluckte und fühlte sich auf einmal unendlich schwer. Er hasste seinen Vater nicht, aber er machte ihn dennoch dafür verantwortlich, sie für einen Reiter im Stich gelassen zu haben. Quirin dagegen empfand sein Scheiden als etwas Ehrenhaftes.
Er schloss kurz die Augen. Was dachte sich sein Bruder eigentlich? Die Reiter waren Verräter, sie überfielen die jagenden Verbunde, Karawanen und Dörfer. Sie waren diejenigen, die den Kampf begonnen hatten, nicht die Jäger. Und jeder, der den Verrätern half, wurde ausgestoßen. Auch wenn sie für das Handeln ihres Vaters nicht verantwortlich gewesen waren, hatte man ihn und Quirin aus der Siedlung der Jäger, der Kuppelsiedlung, in den unteren Teil der Stadt verbannt, wo sie sich nichts weiter als eine baufällige kleine Hütte inmitten tausend anderer leisten konnten. Jergan van Cohen hatte seine Söhne entehrt und allein zurückgelassen. Und wofür? Damit Quirin nun sagen konnte, er war kein Mörder? Tarik seufzte. „Er hat es uns jedenfalls sehr schwer gemacht. Ohne Khaled wüsste ich nicht, wo wir heute wären.“
„Khaled ist immer so stur.“
„Wir haben ihm viel zu verdanken, sei nicht undankbar.“
„Ich bin nicht undankbar. Aber er hat nicht das Recht, über uns zu bestimmen. Vielleicht fühlt er sich ja schuldig und hilft uns deswegen?“ Sein Bruder sah ihn trotzig an.
Tarik schubste ihn. „Bestimmt spielt das eine Rolle, aber nicht nur. Seit Cynthia …“, er stockte, als sein Herz bei dem Klang dieses Namens stolperte, „Seit Cynthias Tod ist er uns eigentlich zu gar nichts verpflichtet. Aber er war immer für uns alle da. Und nachdem Vater gestorben ist, hat er …“
„Ich weiß, ich weiß. Ich bin froh, dass Khaled da war. Ich finde nur …“ Auch Quirin schien nach Worten zu ringen. „Ich finde, er nimmt einfach alles zu ernst.“
„Die Wyvern haben unsere Schwester getötet. Cynthia war seine Verlobte.“
„Ja doch, Tarik. Er hasst die Wyvern und will sie ausrotten und alles. Aber ich finde, na ja, ich finde, das ist nicht gut, was wir mit ihnen machen. Wir sperren sie ein, züchten sie in engen Käfigen, quälen sie und töten sie in den Arenen. Ich sehe ihnen in die Augen und habe das Gefühl, dass sie Angst haben. Sie flehen. Ich will ihnen eigentlich nur helfen, aber das wäre gegen die Regeln …“
„Quirin!“, zischte Tarik erschrocken und sah sich hastig um. „Bist du verrückt geworden? So etwas darfst du nicht einmal denken! Die Wyvern sind wilde Bestien, die unseren Vater und unsere Schwester, ohne zu zögern ermordet haben!“
„Ja, aber sie waren doch beide Jäger …“
„Genug! Ich werde dir morgen beweisen, wie grausam diese Monster sind. Jetzt geh ins Bett, es ist schon spät.“ Er drosselte seine Stimme. „Morgen nach dem Unterricht hole ich dich, und wir gehen zur Arena.“
Der Junge sprang auf und wollte wütend davonstürmen, blieb aber in der Tür stehen und griff an den Rahmen.
Tarik wartete geduldig, bis sein Bruder sich nach einer Weile umdrehte.
„Tarik … wieso bringt man uns in der Schule eigentlich bei, dass die Reiter Dämonen der Wilden Jagd sind? Das sind sie doch nicht wirklich?“
„Nein, das sind nur Legenden, die sich über die Jahre entwickelt haben. Reiter sind Menschen wie du und ich. Sie haben die Jäger und Canthar verlassen, um mit den Wyvern zu leben. Dass sie Dämonen sind, die aus rotem Nebel entstehen und schwarze Wyvern reiten, um Rache an den Cantharern zu nehmen, sind Gruselgeschichten.“
„Aber wieso erzählt man es uns dann so?“
„Die einen wissen es nicht besser, andere wollen es nicht besser wissen, manche wissen es, bevorzugen aber diese Geschichten. Es ist zum Großteil Tradition, es so an die Kinder weiterzureichen, damit sie Angst vor der offenen Steppe haben. Mach dir nichts draus, Quirin, ich habe auch daran geglaubt.“
Der Junge sah nachdenklich vor sich hin, dann nickte er und ging ohne ein weiteres Wort ins Schlafzimmer.
Tarik erlaubte sich ein leises Seufzen, als er sich wieder einmal bewusst machte, dass die Zweifel seiner Familie vor allem vor dem jüngsten Mitglied nicht haltmachten. Quirin besaß von ihnen allen den größten Starrkopf.

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